Eine coole Vorstellung

VON MELANIE DRIES

„Neele, kannst du mir nochmal helfen?“, „Neele, wie kann ich die Farbe ändern“, „Schau Neele, was ich Cooles programmiert habe!“ – an diesem Samstag dreht sich in der Digitalwerkstatt in Berlin-Mitte alles um die elf Jahre alte Neele. Und um die Programmiersprache Scratch.

Die Leidenschaft fürs Programmieren entdeckt

Als Neele gegen halb zwei Uhr nachmittags in die Digitalwerkstatt kommt, verteilen Leiterin Julia Eckhoff und Trainer Falk Köppe gerade noch Luftschlangen auf den Tischen. In einer halben Stunde soll hier Neeles Geburtstagsparty steigen. Vor ein paar Tagen ist sie elf Jahre alt geworden.

Neele war schon oft in der Digitalwerkstatt, hier hat sie ihre Leidenschaft fürs Programmieren entdeckt: „Meine Mama hat mich damals hierhergeschleppt. Ich habe dann Scratch ausprobiert und fand es so cool, dass ich damit zu Hause weitergemacht habe. Und ich bin immer wieder auch zu Kursen hierhergekommen“.

Scratch ist eine visuelle Programmiersprache. Mit ihr kann man eigene interaktive Geschichten und Spiele programmieren. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Es gibt eine Bühne, Figuren, Kostüme und Klänge. Zum Programmieren, also um Anweisungen zu geben, nutzt man sogenannte Blöcke. Die Blöcke sehen aus wie bunte Puzzleteile, es gibt sie zum Beispiel für Aussehen oder Bewegung. Eine Serie verbundener Blöcke nennt man dann Skript. Maskottchen und Standardfigur von Scratch ist die orangefarbene Katze.

In die Rolle der Trainerin schlüpfen

Ihre Begeisterung für Scratch will Neele heute mit ihren Freundinnen teilen, gemeinsam mit ihnen programmieren. Das hat sie sich zum Geburtstag gewünscht. Und nicht nur das. Neele möchte selbst in die Rolle der Trainerin schlüpfen. Julia Eckhoff musste nicht lange überlegen, als Neeles Mutter mit diesem außergewöhnlichen Geburtstagwunsch ihrer Tochter an sie herantrat. „Genau das wollen wir ja“, sagt sie: „Kinder, die aktiv, selbstbewusst und mit großer Freude in der digitalen Welt zu Hause sind“.

Und Neele hat genaue Vorstellungen von ihrem Geburtstagsworkshop, möchte Labyrinthe mit ihren Freundinnen programmieren. Die Einzelheiten bespricht sie noch mit Falk. Er wird sich heute aber im Hintergrund halten, ist von Neele ohnehin nur als Backup-Trainer gebucht. Neeles Mama trinkt ein paar Meter weiter noch einen Kakao mit der Geburtstaggesellschaft, damit ihre Tochter ungestört den Workshop vorbereiten kann.

Wer programmieren will, muss präzise kommunizieren

Um zwei Uhr kommen Neeles Freundinnen Leo, Maja, Celine und Emily dann mit Geburtstagsgeschenken bepackt zur Tür herein. Neele empfängt sie stolz, das offizielle Digitalwerkstatt-Trainerschild um den Hals. Die Geschenke werden erstmal zur Seite gepackt. Neele ist direkt in ihrem Element und erklärt das erste Party-Spiel: Programmier-den-Trainer.

Neele, die Trainerin, wird jetzt zu Neele, dem Roboter. Ihre Freundinnen sollen sie quer durch den Raum zu einem roten Schaumstoffwürfel programmieren. Vor, zurück, rechts, links. Neele läuft gegen die Wand. Und den Mädchen wird bewusst, dass sie sich noch genauer ausdrücken müssen. Wie viele Schritte nach vorne, wie weit nach rechts? Damit ist die erste Erkenntnis schon gewonnen: Im Alltag verwenden wir Sprache nur sehr ungenau. Wer programmieren will, muss dagegen präzise kommunizieren und sich im Klaren darüber sein, was und wohin er will.

Als Roboter wird Neele von ihren Freundinnen durch die Digitalwerkstatt programmiert.

Als Roboter wird Neele von ihren Freundinnen durch die Digitalwerkstatt programmiert.

„Ich bin so stolz, ich habe Pipi in den Augen“

Anwenden können Leo, Maja, Celine und Emily diese Erkenntnis jetzt bei ihren ersten Scratch-Übungen. „Bewege deine Figur langsam von einem Punkt zum anderen“ lautet eine Aufgabe. Dazu müssen die Mädchen nicht nur Blöcke für die Art der Bewegung festlegen, sondern auch für deren Dauer. Außerdem müssen sie die horizontale (x) und vertikale (y) Position ihrer Figur auf der Scratch-Bühne bestimmen. „Gleite in 2 Sek. zu x: 20 y:80“, so lautet dann ein präziser Befehl.

Neele steht dabei mit Rat und Tat zur Seite, wird als Trainerin und erste Ansprechpartnerin von ihren Freundinnen auch gefordert: „Neele, kannst du mir nochmal helfen?“, „Neele, wie kann ich die Farbe ändern“, „Schau Neele, was ich Cooles programmiert habe!“. Und Neele? Die geht lässig und souverän von einer zu anderen, gibt Tipps und löst Probleme. Ihre Mutter, die sich genauso zurück hält wie Julia und Falk, ist baff: „Ich bin so stolz, ich habe Pipi in den Augen“.

„Es war eine coole Vorstellung!“

„Das ist das Labyrinth, das man standardmäßig programmieren kann“, erklärt Neele unterdessen schon das nächste Projekt. „Diesen Befehl braucht ihr dafür auf jeden Fall“. Es ist beeindruckend: Neele, die Kompetenzen weitergibt, die sie selbst erst vor Kurzem erworben hat. Und vier Gleichaltrige, die unter ihrer Anleitung von jetzt auf gleich erfolgreich programmieren.

Leo, Maja, Celine und Emily schicken Hunde und Einhörner, Donuts und Knöpfe durch ihre Labyrinthe und programmieren für Geburtstagskind Neele sogar noch besondere Überraschungen dazu: Schafft man es zum Beispiel durch Majas Labyrinth, erklingt „Happy Birthday to You“.

Inzwischen ist es fünf Uhr, der Geburtstagsworkshop eigentlich zu Ende. Doch daran ist nicht zu denken. Leo möchte noch das Labyrinth von Emily ausprobieren und Maja unbedingt wissen, ob sie ihr Labyrinth irgendwie mit nach Hause nehmen kann. Als Falk dann erklärt, dass sie ihr Werk nur benennen, abspeichern und dann über die Scratch-Website von zu Hause wieder aufrufen, sogar mit der ganzen Welt teilen kann, strahlt Maja übers ganze Gesicht.  Und Neele auch. Ihr Geburtstagsworkshop war ein voller Erfolg. Oder wie sie es ausdrückt: „Es war eine coole Vorstellung!“