Von Blinzel-Protokollen und Abendbrot-Gesprächen

VON MELANIE DRIES

Gibt es das Internet auch im Weltraum? Fallen die Daten aus dem USB-Stick, wenn die Kappe nicht drauf ist? Oder: Ist das Foto noch im Computer, wenn man es ausgedruckt hat? Kinder stellen diese Fragen. „In der Schule müssen sie unbedingt Antworten darauf bekommen. Die Eltern sind damit alleine überfordert“ – das meint Ira Diethelm, Professorin für Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg.

Informationen blinzelnd übertragen

Für das Projekt IT2School hat Ira Diethelm deshalb gemeinsam mit der Wissensfabrik Unterrichtsmodule entwickelt, die schon Grundschülern eine spielerische und kreative Auseinandersetzung mit Informatik und Informationstechnologie (IT) ermöglichen. Auch ohne WLAN, ohne Tablet. Informatik unplugged sozusagen. Ira Diethelm findet daran nichts Besonderes, Mathe könne man ja auch ohne Taschenrechner unterrichten und Chemie ohne Labor.

Frau Diethelm, wie sieht dieser Informatikunterricht also aus?

Ich bin da nicht dogmatisch, sondern finde das Sowohl-als-auch ist wichtig. Das Besondere an IT2School ist vielmehr, dass die Schüler immer einen „Ach so“-Moment erleben und eine Geschichte mit nach Hause nehmen können. Schon mit unserem ersten Modul: Hier geht es um die Übertragung von Informationen und um Codierung. Dazu lassen wir die Kinder Informationen blinzelnd übertragen. Das heißt: ein Kind sagt das Alphabet auf, das andere Kind blinzelt beim richtigen Buchstaben. So können auch Grundschüler schon kurze Wörter wie „Hund“, „Katze“ oder „Maus“ blinzelnd übertragen.

Ein analoger Einstieg in die IT-Welt und die digitale Kommunikation also. Wie gelingt der Wissenstransfer?

Das ist ganz einfach: Beim Blinzeln von Informationen tauchen Probleme auf, die es auch in der IT-Welt gibt, insbesondere in der digitalen Kommunikation. Wenn Kinder ein Wort blinzeln wollen, merken sie schnell: Wir müssen uns genau absprechen. Wie beginnen wir die Kommunikation, wie beenden wir sie, wie reagieren wir auf Fehler – die Kinder entwickeln so ihr eigenes Blinzel-Protokoll. Auf diese Weise erfahren sie, wie die Übertragung von Informationen funktioniert und warum es dabei zu Problemen kommen kann. Dieses Wissen können sie dann auch auf das Binärsystem anwenden. Blinzeln und Nicht-Blinzeln, das ist wie 0 und 1. Aus Versehen geblinzelt, das ist wie ein Knick in der Leitung – in beiden Fällen ist die Kommunikation gestört.

Wörter blinzeln, das können die Kinder auch problemlos mit ihren Eltern oder Geschwistern zuhause ausprobieren, oder?

Das wünsche ich mir sogar. Mit den IT2School-Modulen soll immer auch eine „Abendbrot-Gesprächsfähigkeit“ hergestellt werden. Da Informatikunterricht nicht verpflichtend stattfindet, erhalten die Kinder mit den Modulen nicht selten einen echten Wissensvorsprung gegenüber ihren Eltern und Freunden. Sie werden zu Experten in ihrem privaten Umfeld und tragen das Gelernte weiter. Vielleicht berichten sie beim Abendbrot von Jean-Dominique Bauby. In unserer Blinzel-Stunde erzählen wir seine Geschichte. Nach einem Schlaganfall war der französische Journalist vollständig gelähmt, konnte weder schlucken noch sprechen. Trotzdem hat er seine Geschichte in dem Buch „Schmetterling und Taucherglocke“ aufgeschrieben – indem er sie mit dem linken Auge blinzelnd übertragen hat.

Meine Eltern haben vergessen mir zu erzählen, dass Technik nichts für Mädchen ist.

In ihrer Kindheit und Jugend gab es keinen Informatikunterricht dieser Art, verknüpft mit echten Geschichten, Erkunden und Erleben. Wie erinnern Sie ihre Berührungspunkte mit der Informatik?

Was Computer-AGs und Informatikunterricht angeht, habe ich eine lange Geschichte des Abbrechens hinter mir. Dort habe ich mich gelangweilt. Gleichzeitig komme ich aus einem Haushalt, der sehr offen mit Technik umgeht. Meine Eltern haben vergessen mir zu erzählen, dass Technik nichts für Mädchen ist. Ich durfte Digitaluhren und Taschenrechner auseinandernehmen, um reinzugucken. Das fand ich spannend. Ich habe auch Barbiepuppen geschenkt bekommen, die haben mich aber nicht interessiert. In meiner Entscheidung, das eine zu tun und das andere zu lassen, war ich frei – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Dafür bin ich meinen Eltern immer noch sehr dankbar.

Diese Erfahrung dürfen nicht alle Kinder in ihrem Zuhause machen. Ist es in Ihren Augen deshalb umso wichtiger, dass die Schule Verantwortung übernimmt?

Auf jeden Fall. In der Schule müssen unsere Kinder sinnvoll auf ihr Leben vorbereitet werden. Und die digitale Welt ist Teil dieses Lebens geworden. Informatikunterricht ist deshalb in meinen Augen nicht mehr und nicht weniger als dringend nötige Aufklärung über die digitale Welt. Dabei geht es nicht darum, in der Schule Programmierer auszubilden. Wir bilden dort ja auch keine Chemielaboranten aus. Wir müssen aber alle auch ein bisschen Ahnung haben von Chemie. Und von Literatur, Geschichte und Mathematik, um unsere Aufgaben als mündige Bürger wahrnehmen zu können. Wer weiß, dass man für einige Dinge keine Computerprogramme schreiben kann – ob ein Computer abgestürzt ist oder nicht zum Beispiel – wird die Welt zum einen besser hinterfragen, zum anderen besser gestalten können.

Aber brauchen wir dazu Informatikunterricht? Oder können digitale Kompetenzen nicht in jedem Fach unterrichtet werden?

Wir brauchen Informatikunterricht. Denn Kinder lernen nur von den Lehrern, die auch wirklich etwas beherrschen. Wie beim Lesen, Schreiben oder Rechnen braucht es auch für die Informatik fachlich und fachdidaktisch ausgebildete Lehrkräfte. Unsere Kinder rechnen und schreiben auch im Chemie- und Physikunterricht, trotzdem haben sie die Fächer Mathe und Deutsch, müssen hier ihre Kompetenzen im Unterricht und bei Klassenarbeiten nachweisen. Es ist doch so: Wenn der Lehrer im Chemieunterricht immer wieder Plus und Minus erklären müsste, käme keiner voran. Und Lehrer haben auch ein Anrecht darauf, sich auf das zu spezialisieren, was sie gut können. Dann sind sie gute Lehrer. Ich kann auch Lesen und Schreiben, klar. Aber ich traue mir nicht zu, Erstklässlern das Lesen und Schreiben beizubringen. Dazu braucht man eine spezielle Ausbildung.

Was wünschen Sie sich in diesem Zusammenhang auch von der Politik?

Ich wünsche mir, dass die Bildungspolitiker mutiger werden. Ich habe schon das Gefühl, dass die Politiker in vielen Bundesländern wahrnehmen und verstehen: Es muss etwas passieren. Aber den nächsten Schritt gehen sie noch nicht. Zu hinterfragen beispielweise, ob 19 Jahreswochenstunden für eine zweite Fremdsprache und gleichzeitig null Pflichtstunden für Informatik noch zeitgemäß sind. Genau das aber müssen sie tun – und die Reaktionen aushalten. Ich wünsche mir auch, dass sie nicht immer nur hinterherrennen, sondern für ihre Bundesländer vorangehen und als Ziel formulieren: Wir wollen alle Kinder unseres Bundeslandes nicht nur irgendwie, sondern sehr gut digital vorbereitet in die Welt schicken. Wir wollen die Besten sein!

 

© privat

Prof. Dr. Ira Diethelm

Seit 2011 ist Ira Diethelm Universitätsprofessorin für Didaktik der Informatik an der Universität Oldenburg. Sie entwickelt Unterrichtsmaterialien für den Informatikunterricht an Grundschulen. Im Projekt IT2School sollen Kinder spielerisch und mit viel Spaß an Informatik und IT herangeführt werden. Das Besondere: die Kinder dürfen dabei „Ach so“-Momente erleben und Geschichten mit nach Hause nehmen.